• Gitta Schmidt

Sonnenwirbel für den König-Der Löwenzahn


Die Sonne hatte sich etwas Besonderes ausgedacht für die Zeit der Übergänge im Jahr, den Frühling und den Herbst. In diesen Jahreszeiten breitete sich die Nacht noch sehr stark aus und hüllte die Erde die längste Zeit in ein schwarzes Gewand oder in diffuses Dämmerlicht. Doch die kleinen Zwerge mussten etwas sehen, sie standen schon früh am Morgenauf und arbeiteten bis zum späten Abend. In jener Zeit nämlich dienten sie den Menschen.

Sie verrichteten jede unliebsame Arbeit, waren fleißigund beschwerten sich nie. Einzig im Winter ruhten sie ein wenig ausund arbeiteten nur im Licht des Tages. Doch die Zwerge waren nochfür etwas anderes bestimmt. Sie sollten etwas herausfinden, das für die ganze Menschheit sehr nützlich sein würde. Aber darüber wird später berichtet werden. Um die Tage auch im Frühling und im Herbst etwas zu verlängern wollte sich die Sonne etwas einfallen lassen und so versuchte sie, in die langen Nächte etwas Licht zu zaubern.

Im Frühling schickte sie deshalb ihre Sonnenwirbel auf die Erde, leuchtend gelbe Pflanzen, die auch im Herbst wieder zu blühen begannen. Diese hellen Blütenköpfe, mit ihren rosettenartig angeordneten Blättern, Pusteblume oder Löwenzahn genannt, erhellten den Zwergen den Weg im Wechsel der Jahreszeiten,denn gerade in der Nacht und in der Dämmerung war ihre Leuchtkraftam stärksten. Erst im Sommer, wenn die Sonne selbst länger am Him-melszelt stand, hörten die Sonnenwirbel zu blühen auf. Die Früchte derPflanze wurden mit einem Schirmchen ausgestattet und so verteilten siesich luftig leicht im ganzen Land.Das Leuchten war bisher die einzige Aufgabe der Sonnenwirbel gewesen, bis zu jenem Abend, an dem die Zwerge eine Entdeckungmachten, die für das ganze Menschengeschlecht von großer Bedeutungwerden sollte.Der König, bei dem einige Zwerge in Diensten standen, war wiedereinmal übellaunig und leidend gewesen. Seit Tagen drückte ihn seinBauch und es gelang ihm nicht, sich auf dem stillen Örtchen Erleichte-rung zu verschaffen. Er litt an schlechter Verdauung und an Verstopfung.Zu allem Übel pflegte er abends noch Salat zu speisen, der bekannter-maßen zu so später Stunde schlecht verdaulich ist und somit wenig förderlich für sein Leiden war.An besagtem Abend waren die grünen Salatblätter im Garten fastvollständig zur Neige gegangen. Da standen die Zwerge nun und berat-schlagten sich, wie sie wohl ihren Herrn zufrieden stellen könnten, denndieser war nicht gewillt, auf seine abendliche Gewohnheit zu verzichten.Da ein wenig Salat noch übrig war, meinten die Zwerge schließlich, ersolle sich doch mit der halben Portion zufrieden geben, da ihm der Salatja ohnehin nicht gut bekäme.Der König wurde über diesen dreisten Ausspruch der Zwerge so wütend, dass er fürchterlich tobte, so sehr und so ausgiebig, dass seineVerdauung gänzlich ins Stocken geriet, er fürchterliches Bauchweh bekam und sich vor Schmerzen krümmte. DieZwerge erschraken sehr und suchten verzwei-felt nach einer Lösung, um den König wieder zubesänftigen. Im großen Garten hinter dem Haus be-sprachen sie sich und überlegten angestrengt, wohersie zu dieser vorangeschrittenen Stunde noch genügendSalat für ihren Herrn bekommen könnten. Doch so viel sie auch über-legten, es wollte ihnen nichts Rechtes einfallen. Die Dämmerung brachherein und da sahen die Zwerge mit einem Male, was am Tage gar nichtaufgefallen war: Die Sonnenwirbel leuchteten wieder, es war, als seientausend Sterne auf die Erde gefallen, um dort zu erstrahlen.Da fiel der Blick der Zwerge auf diese Pflanze, die so wunderschönblühte und plötzlich kam ihnen eine Idee. Die Blätter der Sonnenwirbelwaren vom gleichen Grün wie der Salat ihres Herrn. Die Zwerge pflück-ten einige dieser Löwenzahnpflanzen und vermengten sie mit den nochverbliebenen Salatblättern aus dem Gemüsegarten des Königs. Mit dengoldgelben Blüten köpfchen, die ihre Leuchtkraft nicht im Geringstenverloren, nachdem die Zwerge sie abgepflückt hatten, schmückten sieden Tisch und die Speise. Als der König den Salat sah, freute er sich an-fangs sehr. Doch schon als er den ersten Bissen hinuntergeschluckt hatte,bemerkte er den sehr bitteren Geschmack dieser neuen Pflanze. Sofortspuckte er alles wieder aus. Er fühlte sich von den Zwergen betrogenund wurde sehr wütend. Als diese sein ärgerliches Gesicht bemerkten,bekamen sie Angst und begannen, fortzulaufen. Schon wollte der Königseinen Teller samt Inhalt an die Wand schmeißen und ihnen hinterherrennen, um sie sich vorzunehmen. Da geriet er plötzlich in den Bann derleuchtenden Sonnenwirbel. Wie verzaubert nahm er brav seine Gabelwieder auf und ehe er sichs versah, hatte er alles aufgegessen. Zu seinem Erstaunen bekam ihm der Salat zum ersten Male gut. Am folgenden Tagkonnte er sich erleichtern und ihm war wohl wie schon lange nicht mehr.Von da an verlangte er jeden Abend nach den wunderlichen Pflanzenmit den gelben Köpfen, von denen es, wie es schien, rund um das Schlossund den Hof unendlich viele gab.Während der einfältige König an ein Wunder glaubte, das von denLöwenzahnblättern und -blüten auszugehen schien, erkannten dieschlauen Zwerge die große Heilkraft, die in dieser Pflanze steckte, undsie begannen, mit ihr zu experimentieren. Mit der Zeit fanden sie heraus, dass das blühende Kraut noch viel mehr zu heilen vermochte.Die Haut des Königs wurde wieder besser und seine Knochen schmerz-ten mit der Zeit nicht mehr so sehr. Am dritten Tag des abnehmendenMondes gruben die Zwerge die Wurzel der Pflanze aus und betupftenmit der daraus hervorquellenden weißen Milch die Warzen ihres Herrn.Als der immer kleiner werdende Mond schließlich ganz vom Himmels-bild verschwand, waren auch die Warzen wie durch ein Wunder nichtmehr zu sehen.Jetzt waren die Zwerge neugierig geworden. Sie wollten wissen, obandere Pflanzen auch solch wunderbare Heilkräfte besäßen. Sie testetenaus, ergründeten und untersuchten vieles bis auf das Kleinste. Irgend-wann einmal begannen sie, alles niederzuschreiben und hielten so dieWirkungen der einzelnen Pflanzen bei bestimmten Erkrankungen fest.Die kleinen Wesen wurden im ganzen Land bekannt als die ganz großenHeilpflanzenkenner in jener Zeit.Als wieder einmal die goldgelben Sonnenwirbel, wie jedes Jahr, alleFarbe verloren und sich in wundersame, mit kleinen Schirmchen ver -sehene Pusteblumen verwandelten, kamen die kleinen Zwerge plötzlichauf eine Idee. Nach so vielen Jahren des Dienens und Arbeitens auf Er-den fanden sie nun endlich heraus, wie sie in ihre ursprüngliche Heimatzurückkehren konnten. Die war nämlich keineswegs bei den Menschen,denen sie dienen und gehorchen mussten. Genau die Pflanze, welche dieZwerge anfangs vor dem Zorn des Königs bewahrt und die ihnen immerwieder von neuem Licht geschenkt hatte, konnte ihnen auch helfen, wie-der dorthin zurückzufinden, von wo sie einst gekommen warenDie Reise nach Hause begann nun, als die Kinder dieser Erde durchdas weiß gewordene Feld der Pusteblumen liefen und einige davonpflückten, um sie in den Himmel zu pusten. Da schwang sich flink einZwerg nach dem anderen an die spinnwebenähnlichen Faserstrahlen derPflanze. Diese erhoben sich in die Lüfte und trugen die Zwerge leichtund frei dem Zwergenland entgegen. So entschwanden die einstigenHelfer der Menschen von der Erde, und nur die Früchte, die an denStrahlen hingen, kamen wieder zurück, um im nächsten Jahr wieder alsneue Sonnenwirbel zu erstrahlen. Doch jetzt leuchteten sie nicht mehrden Zwergen den Weg in der Zeit der Übergänge im Jahr, sondern denMenschen. Denn seit jener Zeit mussten diese ihr Tagewerk selbst ver-richten. Die Zwerge blieben verschwunden. Es war, als hätte es die flei-ßigen kleinen Kerlchen nie gegeben. Nur der Schatz um das Wissen derheilenden Kräfte der Pflanzen und die wundervollen Salat- und Kräu-terrezepte, die die Zwerge den Menschen dagelassen hatten, erinnerndaran, dass sie einmal hier gewesen waren. Vereinzelt kann man in eini-gen Vorgärten der Menschen noch kleine Abbilder der Zwerge sehen,die in dem Vorübergehenden manchmal eine Erinnerung wecken: anlängst vergangene Zeiten, als die Sonne einst die Sonnenwirbel schickte um den Zwergen den Weg zu weisen.

#Löwenzahn #wildkräuter

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