Huflattich Märchen

Aus dem Buch von Folke Tegetthoff "Neue Kräutermärchen"

Der für Kräuter zuständige Engel, Herbario, saß in seinem Wolkenlabor und kramte zwischen Blättern, Blüten und Samen. Heute Morgen war er mit einem schrecklichen Husten aufgewacht. Einem Husten, der ganz hinten sitzt und sein Vergnügen darin findet, den Hals zu kitzeln. In seinem Ärger fand Herbario aber nicht gleich die richtige Pflanze, roch da, kostete dort, aber nichts wollte den Husten beruhigen. „Wird Zeit, dass der Frühling kommt, damit ich wieder Ordnung hier herein bekomme“, brummte der Engel. Die Samen probten schon ihren Auftritt, einzelne Blätter hatten sich schon ein Blüten-Makeup aufgelegt. Aber nichts fand sich gegen diesen gemeinen Husten! Im hintersten Winkel entdeckte der Engel einen Topf mit herrlich goldgelben Blüten. „Wer seid ihr denn?“ fragte er und griff nach dem Behälter. Da geschah das Unglück! Ein Unglück, das dem Kräuterengel Herbario in seiner tausendjährigen Dienstzeit noch nie passiert war: Irgendwie rutschte der Topf aus seiner Hand, fiel von der Wolke und unendlich viele kleine, gelbe Blüten regneten auf die Erde. „Um Himmels willen!“, schrie Herbario entsetzt auf. „Und das im Februar!“ Die Sonne hatte in das weiße Leintuch des Winters schon viele grüne Flecken gemalt. An so einem Sonnentag durfte das Fohlen zum ersten Mal allein auf die Weide. Nachdem es den wilden Galopp ausprobiert, sich auf der weichen, schon warmen Erde gewälzt hatte, legte es sich hin, um ein bisschen zu verschnaufen. Plötzlich glaubte es zu träumen: Es regnete kleine Sonnen! Und es hörte gar nicht mehr auf. Immer mehr Blüten fielen vom Himmel - wie gelber Schnee! In kindlicher Angst meinte das Fohlen, es wäre zu wild gewesen und hätte die Sonne gestört, die nach ihrer langen Winterruhe ja noch ganz schläfrig war. Also begann es hastig, alle Blüten aufzufressen! Fraß, fraß, bis es ganz dick war und sich kaum noch rühren konnte. Am nächsten Tag hatte das Fohlen die ganze grüne Weide gelb gedüngt... Oben auf seiner Wolke lag Herbario und sah durch sein Fernglas, was für eine Bescherung er mit Hilfe des jungen Pferdes auf der Erde angerichtet hatte. „Gelbe Blüten im Februar!“, stöhnte er. „Wenn das Gott erfährt, na dann Prost!“. Nun war ja nichts mehr dagegen u machen. Da erst entdeckte herbario, dass dort auf der Weide ja Blüten ohne Blätter blühten. „Auch das noch“, rief er und schlug sich auf die engelische Stirn. Schnell suchte er nach geeigneten Blättern, aber alle Formen waren schon an andere Pflanzen vergeben. In seiner Verzweiflung und in der Hoffnung auf ein Wunder leerte er einfach den Topf mit der Aufschrift `Blattgrün`auf die Erde. „Wahrscheinlich bin ich meinen Job sowieso los!“, murmelte er und legte sich hinters Fernrohr, um zu beobachten, was nun passierte. Das Fohlen lag auf der gelb gesprenkelten Wiese und getraute sich kaum, eine Bewegung zu machen. Es dachte immer noch, es sei seine Schuld gewesen, dass die kleinen Sonnen auf die Weide gefallen waren und jetzt alles voller gelber Blütentupfen war. So kann man sich vorstellen, wie das Fohlen in Panik geriet, als plötzlich auch noch ein grüner Regen auf sein Fell herabprasselte! Es sprang auf und galoppierte und trampelte auf der grünen Masse herum, als wollte es alles in die Erde stampfen. Als es vor Erschöpfung zu Boden sank, bemerkte es, dass sich durch seine Tritte unzählige Blätter geformt hatten. „Na ja, nicht besonders originell, aber besser als gar nichts“, sagte sich Herbario, „gelbe Blüten im Februar und Blätter, die aussehen wie Fohlenhufe...“ „Herbario!“ rief es plötzlich durch den Himmelssaal. „Oh, mein Gott!“, Herbario flog zittternd zur obersten Himmelswolke. „Herbario“, sagte Gott, „als ich mir heute Morgen die Erdrundschau ansah, entdeckte ich ein neues Kraut. War das deine Idee?“ Herbario wusste nicht recht, was antworten. „Es gefällt mir. Eine gute Idee, schon im Februar ein bisschen Gelb zu streuen. Und die Blätter sind auch hübsch gelungen. Aber sag, wofür ist es gut?“ „Äh, ich... Ich hatte so schrecklichen Husten und als ich...“. „Gegen Husten also - das ist gescheit. Von solchen Kräutern kann man nie genug haben. Bravo, Herbario!“ Als der Kräuterengel glückstrahlend in sein Wolkenlabor zurückgekehrt war, kramte er zwischen Töpfen und Tiegeln, bis er endlich fand was er suchte. „Das hast du dir verdient, junges Fohlen.“ Und er leerte einen Sack mit himmlischem Hafer auf die Pferdeweide. „Danke!“ rief er und trug in sein Kräuterbuch den Namen für das neue Kraut ein: Fohlenkraut!